Die Hoffnungsträgerinnen
Es ist ein großer Tag für Manege: Voller Stolz nimmt die 20-Jährige ihr Zeugnis entgegen. In den vergangenen beiden Jahren hat sie fast ununterbrochen dafür gelernt. Nun ist sie eine staatlich anerkannte Hebamme. Ebenso wie ihre 30 Mitstreiterinnen. Sie alle haben in Herat an dem Cap-Anamur-Ausbildungsprogramm teilgenommen. Ihr Abschluss wird Vieles verändern – nicht nur das eigene Leben, auch das der Frauen in ihren Heimatdörfern. Denn insbesondere in den ländlichen Regionen Afghanistans sterben fortwährend werdende Mütter an den Komplikationen einer Geburt. Das Land leidet unter der höchsten Müttersterblichkeit weltweit.

Alle 30 Minuten stirbt dort eine Frau im Kindbett. „Für mich ist es blanker Hohn, doch die Geburt eines Kindes ist für die Frauen die Todesursache Nummer eins“, beklagt die ehemalige Cap-Anamur-Mitarbeiterin Döne Akdas, die als Krankenschwester für Cap Anamur insgesamt dreieinhalb Jahre in Afghanistan war. Während hierzulande Komplikationen wie erhöhter Blutdruck, Gebärmutterrisse, Blutungen und Infektionen in der Regel gut therapiert werden können, enden sie für Frauen in Afghanistan in einem von neun Fällen tödlich. Dabei könnten theoretisch mehr als 80 Prozent der Frauen gerettet werden – und das mit relativ geringem Aufwand, zum Beispiel durch die Unterstützung einer geschulten Hebamme.
Leider ist das oft bloße Theorie. Tatsächlich ist die Gesundheitsversorgung nach drei Jahrzehnten Krieg vielerorts katastrophal, es gibt einfach nicht genug Geburtsstationen und Fachpersonal. Auch zehn Jahre nach der Vertreibung der Taliban ist das Land durch und durch patriarchal geprägt. So darf die Geburtshilfe in der Regel nur durch weibliches Personal durchgeführt werden. In einem Land wie Afghanistan, in dem nur ein Bruchteil der Mädchen die Schule besuchen konnte oder durfte und die Rate der Analphabetinnen bei 85 Prozent liegt, ist eine massive Unterversorgung zwangsläufig.

"Das weibliche Martyrium beginnt schon als Kind. Mütter, die nur Mädchen bekommen, werden bemitleidet und verachtet, mehr noch als Frauen, die gar keine Kinder bekommen können. Es ist eine Belastung, die Mädchen mit durchzufüttern und nicht der Mühe wert. Schließlich werden sie weggegeben, oft noch vor Beginn der Pubertät einem Mann versprochen. Sofern der Brautpreis stimmt auch als Zweitfrau. Die Mädchen leisten körperliche Schwerstarbeit unter entsetzlichen Bedingungen: rackern mangelernährt auf Minenfeldern oder schuften als Bedienstete reicherer Familien. Viele dieser kleinen Mädchen haben die müden Augen alter, abgearbeiteter Frauen“, berichtet Akdas.
Ob die afghanische Bevölkerung, insbesondere ihr weiblicher Teil, Zugang zu medizinischer Versorgung hat, ist keine Frage des Schicksals, sondern eine des politischen Willens. Die Regierung müsste in die Verbesserung des Gesundheitssystems und die Ausbildung von Fachkräften investieren. Doch der Wandel in Afghanistan ist ein sehr zäher Prozess und die sozio-kulturellen Strukturen sind mehr als starr. Fundamentalistische Prediger prangern den Verfall der Kultur an. Dabei geht es im Kern immer wieder darum, die Angst der Patriarchen davor zu schüren, die Kontrolle zu verlieren. Für Frauen bleibt da kein Raum zur Entfaltung.
Doch glücklicherweise gibt es auch in Afghanistan Frauen, die gegen den Strom schwimmen, gebildet und stark sind. Man kann nur hoffen, dass sich ihr Einfluss irgendwann durchsetzt. „Einige von ihnen durfte ich kennenlernen und das lässt mich hoffen, dass unsere Urenkel am 200. Weltfrauentag eine veränderte Welt vorfinden, eine, an der Frauen stärker am Weltgeschehen teilnehmen als heute“, hofft Akdas. Die Wissbegierde unserer Auszubildenden bestätigt sie darin. Diese Frauen können die Welt nicht von heute auf morgen ändern. Aber sie leisten einen sehr wichtigen Beitrag, wenn sie mit ihrem Wissen in ihre unterversorgten Heimatdörfer zurückkehren und dort vorleben, dass Bildung von Frauen wichtig ist, manchmal sogar lebenswichtig. „Die jungen Hebammen werden ihr Wissen weitergeben und ich hoffe, dass es sich im Schneeballeffekt verbreitet“, so Akdas.
Ausbildung in Afghanistan
Cap Anamur ermöglicht während der ersten Etappe 30 jungen afghanischen Frauen eine zweijährige staatlich anerkannte Ausbildung zur Hebamme. Die Teilnehmerinnen lernen in Lehrkrankenhäusern der Provinzhauptstadt Herat in Theorie- und Praxisblöcken Komplikationen zu erkennen, zu behandeln und eine Geburt sicher zu leiten. Während der Ausbildung stellt Cap Anamur Unterkunft und Verpflegung. Auch für die Kinder der Auszubildenden wird gesorgt: sie können währenddessen den Kindergarten oder die Schule besuchen. Alle Frauen stammen aus ländlich gelegenen Dörfern und sind dort familiär gebunden. Nach ihrem Abschluss kehren sie in ihre Heimatdörfer zurück.

Die Kosten je Ausbildungsplatz betragen 3.200 Euro – eine gute Investition in die Zukunft Afghanistans. Während das Auswahlverfahren für die zweite Runde der Hebammenausbildung angelaufen ist, hat Cap Anamur ein analoges Projekt für Krankenpflegerinnen ins Leben gerufen.
Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, auch in Zukunft Frauen in Afghanistan auszubilden.
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