Goma kocht immer noch

Artikelinfo
Datum: 
01.02.2002
Autor: 
Office Cap Anamur

Rupert Neudeck ist am 29. Januar nach Goma geflogen, Geld und Hilfsmittel im Gepäck. Einmal für unseren Arzt Lothar Winkler, der seine Bleibe bei dem Vulkanausbruch verloren hat, und zum anderen, um Hilfe für die Bevölkerung vor Ort zu organisieren.

Hier ist sein authentischer Bericht:

Rupert Neudeck aus Goma, am 31. Januar 2002

Goma kocht immer noch!

Wenn man auf die noch nicht ganz erkalteten Lavamassen im Zentrum der großen Stadt (wahrscheinlich 350.000 Einwohner) steigt, werden einem die Füße in den Schuhen heiß. Zwischen den unförmigen porösen Gesteinsmassen tauchen hier und da wie kleine Geysire Rauchfontänen auf. An einer Grundstücksmauer glimmt ein Baumstamm unter der Lava, ein Gasrohr fackelt Gas ab.

Was haben die Bewohner in den letzten zehn Jahren nicht alles hinter sich? Die lange Vernachlässigung durch den Diktator Mobutu. Die Besetzung weiter Teile um Goma und Sake durch nicht weniger als 1,5 Mio Hutu-Flüchtlinge und die Arroganz der "Genocidaires", der Völkermörder der Ex-Armee Ruandas sowie der Interahamwe-Milizen. Dann die Aufstandsbewegung der AFDL unter Laurent Desire Kabila, die von Goma ihren Ausgang nahm. Dann eroberte Kabila die Macht in Kishasa, wandte sich aber von Ruanda und seinem Patron Paul Kagame ab. Dann ging es in Goma wieder los, Ruanda etablierte seine eigene Widerstandsgruppe in Goma bis heute. Und dann passierte es. Am 17. Januar geschah der seit 1977 furchtbarste Vulkanausbruch, den die Menschen kaum noch für möglich gehalten hatten. Der Krater des unheilschwangeren Vulkan Nyarigongo öffnete sich an diesem Abend und warf aus allen Spalten die alles verbrennende und verschlingende Lava heraus, die dann ihre Blut- und Zerstörungsspur durch Goma zog und sich am Ende in den Kivu-See ergoß. Das Zentrum von Goma gibt es seither nicht mehr. Und die Erde bebte noch tagelang.

Den Menschen konnte dann auch nicht sofort geholfen werden, weil sie erst nach Ruanda auswichen, aber dort auch nicht bleiben wollten, weil sie um Haus und Besitz fürchten mußten. Unser Arzt, Lothar Winkler, mußte in den ersten zwei Tagen auch ein Boot mieten, um auf dem Kivu-See von Goma West nach Goma Ost zu kommen, denn die Lavamassen hatten die Stadt in zwei Teile zerlegt. Heute, knapp 14 Tage nach dem Ausbruch des Vulkans, gibt es immer noch Entsetzen und Fassungslosigkeit. Sie wird aber von der quirligen Lebendigkeit und der Stehaufmännchen-Mentalität der Menschen in Goma fast konterkariert und begleitet.

Lothar Winkler kam am 17. Januar aus den Bergen bei Burungu zurück, wo er letzte Hand an die Ambulanz gelegt hat, die wir für die Rückkehrer aus Ruanda gebaut haben. Insgesamt sind 15.000 Ruander (sog. Banyarwanda) in den Kivu zurückgekehrt. Sie haben vom UNHCR keine Hilfe bekommen, weil der beschlossen hatte, daß die Flüchtlinge nach 3 Jahren noch nicht zurückkehren könnten. Es sei noch nicht sicher genug im Kivu. Sie sind dennoch zurückgekehrt.

Als er am Nachmittag gegen 17.30 Uhr nach Goma kam, wunderte er sich über erste Anzeichen von Panik und einem feinen Staub in der Luft. Doch dann war er gerade zu Hause, als sich die brennenden Lavamassen darauf zu bewegten. Er konnte das meiste noch in das Auto packen und dann ab über die Grenze nach Gisenyi. Das Haus konnten wir heute unter den Lavamassen nur noch erahnen, Rauch und erkaltete Lava stehen und liegen über seiner alten Bleibe.

Die Lava hatte sich mitten durch Goma gefressen, so daß man nicht mehr von einem Teil in den anderen gehen oder fahren konnte. Dank der großartigen Tätigkeit der Deutschen Welthungerhilfe in Goma konnte eine Schotterpiste mitten über die Lavamassen geschlagen werden. Seither können wir wieder wie die Bewohner aus dem Westteil in den Ostteil der Stadt. Es war für viele Helfer wieder ein Lehrstück in Sachen UNO. Als die ca. 300.000 Bewohner von Goma sich schon am zweiten Tag auf den Weg zurückmachten, weigerte sich das WFP (Welternährungsprogramm) die 1.000 t Nahrung, die in seinem Lagerhaus lagern, zu verteilen. Der Grund war, daß die Bewohner ja eigentlich gar nicht in Goma sein dürften, weil es dort viel zu gefährlich sei wegen etwaiger neuer Vulkanausbrüche. Nun waren die Menschen aber in Goma. Und dann dauerte es noch 4 Tage, bis sich das WFP zu einer Änderung seiner Politik entschloß. Man ist versucht, an das Gedicht von Bert Brecht zu erinnern, der die eigene DDR-Regierung nach dem 17. Juni 1953 karikierte, die ihrem Volk drohte, es aufzulösen, um ein Neues zu wählen!

Heute war ich Zeuge des emsigen Traibens der Menschen in Goma, und das macht Mut. Überall werden die Lavasteine weggeschafft, mit bloßen Händen und mit LKW. Überall werden Häuser und Geschäfte eingerichtet, Wellblechdächer gemacht und Kanthölzer eingerichtet. Die Menschen werden sich nicht unterkriegen lassen.

Eine Erfahrung aus Goma darf ich von hier aus nicht unterschlagen. Die Regime der Welt, zumal die korruptionsanfälligen, wissen ganz genau den Aktualitätsterror zu berechnen, unter dem Journalisten und Medien und damit unser Publikum leiden. So lange der deutsche Botschafter in Ruanda, Steinberg, die Afrikabeauftragte des Auswärtigen Amtes, Gräfin Strachwitz, und eine Heerschar internationaler und deutscher Journalisten im Hotel hinter der Grenze logierten und aus Goma berichteten, fanden "Grenze" und "Zoll" gar nicht statt. Kaum sind alle verschwunden, blüht die Korruption und der Wegelagererzoll blüht an beiden Grenzen wieder auf.

Wir haben am 31. Januar zwei Stunden auf der ruandischen Seite die Zumutung von 10 oder 20 Dollars pro LKW mit Hilfsgütern für die Bevölkerung in Goma abwehren müssen. Auf der anderen Seite, wo es ja um die ureigene Bevölkerung geht, sind die Zumutungen noch größer. Pro LKW sollten wir 15 US-Dollar zahlen. Das kommt davon, wenn solche Katastrophenfelder nur ein paar Tage und nicht ein bißchen länger unter kritischer Beobachtung stehen. Vorher hätte das niemand gewagt.