Vulkankatastrophe im Kongo
Der Nyiragongo hat gar nicht gespuckt
Wie auf den Gemälden des Hieronymus Bosch
Was würde mit Berlin passieren, wenn die Erde aufbricht und brennende Lava heraus katapultiert?
Der 17. Januar 2002, an dem sich die Erde um Goma öffnete und der Vulkan Nyiragongo sich von seiner furchtbarsten Seite zeigte, war kein gewöhnlicher Tag.
Der 17. Januar ist für die Congolesen ein historischer Gedenktag. Am 27. Januar 1961 wurde der erste gewählte Präsident des Congo, Patrice Lumbumba, ermordet. Lumumba war für die Congolesen nach der alptraumhaften Kolonialherrschaft der Belgier zu einem Symbol ihrer Befreiung geworden. Der Briefträger aus Kisangani hatte die Macht des Wortes und der symbolischen Gesten. Wie wir heute wissen, wurde das Mordkomplott gegen Lumumba gemeinsam von Mobutu Ssese Seko und der US-amerikanischen CIA geplant und durchgeführt. Mobutu hatte später in den 80er Jahren die perverse Genialität, dem ermordeten Lumumba ein unvollendetes Denkmal mitten in Kinshasa, der Hauptstadt des Congo (damals Zaire), zu setzen und den 17. Januar zum Gedenktag zu erheben.
Erst die neue Führung der Demokratischen Republik Congo unter Laurent Desire Kabila gab dem Erinnerungstag die richtige Würde. Das muß man auch dann sagen, wenn dieser durch ein Komplott aus Angola und Zimbabwe ermordete Laurent Desire Kabila für die neue Republik Congo so gut wie nichts geregelt oder geordnet hat.
Weil der 17. Januar 2002 ein Feiertag und nicht ein normaler Werktag war, waren die Bewohner von Goma um 8 Uhr noch nicht auf den Straßen. Auch Aloys Tegera nicht, ein ehemaliger Weißer Vater (mit schwarzer Hautfarbe), der das Pole Institut in Goma leitet. Er wurde allerdings gegen 8 Uhr vom Telefon geweckt. Einer aus dem Kreis um den lokalen Vulkanologen Dieudonne Waffula meldete sich und sagte ihm, der Vulkan wäre an einer Seite ausgebrochen und Lava würde sich in Richtung Goma ergießen. Da war Aloys Tegera hellwach und zog von seiner Wohnung gleich los.
Er wohnt in Giysenyi, also auf der anderen Seite einer der merkwürdigsten Grenzen der Welt, nämlich nur 2 km von dem Platz im Zentrum Gomas entfernt, von dem aus ihn der Vulkanologe Waffula angerufen hatte. Goma liegt territorialrechtlich auf dem Gebiet der Demokratischen Republik Congo, Gisenyi ist die Grenzstadt der Republik Rwanda. Allerdings beherrscht Rwanda diese Provinz des Congo mit Namen Kivu so total und ungeniert, daß man sich fragt, warum diese fiktive Grenze eigentlich noch aufrechterhalten wird.
Aloys traf den Vulkanologen, die Stadt war noch in Feiertagslaune, die Mehrzahl der Bewohner noch im Schlummer, die Geschäfte geschlossen, die Straßen verwaist. Die beiden fuhren am Flughafen Goma vorbei in Richtung Nyiragongo und Rutshuru. Etwa zwei bis drei km vor Goma sah Aloys es dann: Eine gewaltige Lava Masse hatte sich aus dem Seitenriß des Berges hierhin ergossen, aber die Lavamasse war hier stehen geblieben. Es qualmte, die Lava glühte noch, es war ganz heiß an diesem Platz. Die beiden konnten die Lavaspur bis an den Fuß des Vulkans Nyiragongo verfolgen.
Nach einer Stunde, als sie auch noch ein bißchen weiter gefahren waren, hatten beide den Eindruck, daß dieser Ausbruch am frühen Morgen des 17. Januar, des Gedenktages von Patrice Lumumba, Goma weder berühren noch bedrohen würde.
Um 12 Uhr mittags machten sie deshalb für die Bevölkerung und für die lokalen Medien eine Pressekonferenz in dem neuen modernen Isumu-Hotel am Grenzposten nach Rwanda. Sie erklärten Goma und der Welt, daß der Ausbruch von heute morgen, angekündigt schon zwei Wochen vorher durch heftiger werdende Erdstöße, Goma nicht erreichen und deshalb keine Bedrohung für die Bevölkerung darstellen würde.
Dann aber ereignete sich am gleichen Tag zwischen 17 und 18 Uhr in Goma die wirkliche und völlig unvorhergesehene Katastrophe.
In einem kleinen Vorort von Goma, nur ein Kilometer vom Flughafen nach Osten entfernt, mit Namen Munigi, brach plötzlich die Erde auf. Wir haben uns den Platz mit nachzitterndem Entsetzen angesehen. Diese Katastrophe zerstörte das Urvertrauen der Menschen in die Natur noch einmal heftig. Die Erde spaltete sich in Munigi. Die Bewohner der kleinen Hüttenansiedlung mit der Barackenkirche der Adventisten im Hintergrund zeigen auf mehrere fast parall laufende Erdspalten. Sie führen uns zu denen, aus denen es aus tiefster Erde noch dampft.
Es bietet sich uns ein Bild wie aus Dantes Inferno, gemischt mit einigen Szenen aus der Goetheschen Walpurgisnacht. Die Erde ist ganz offenbar mit einem gewaltigen Krachen aufgegangen, denn wir schauen in auseinandergeborstene Felsen, in einige Schlünde dürfen wir gar nicht hinabschauen, weil uns von unten, aus der "Erdhölle" möchte man sagen, der Dampf und Schwefelgeruch so heiß entgegenpestet wie in einer der fiktiven Höllengeschichten, die wir aus unserer Kindheit oder von den Gemälden des Hieronymus Bosch kennen.
Wir fragen die Bewohner, wo denn die Lava ausgebrochen ist und sich in diesem Abstieg bis auf das Stadtzentrum Goma und den Kivu-See zugewälzt habe. Sie führen uns auf die andere Seite der Schotterstraße und haben immer noch das Entsetzen in den Augen. Auf der anderen Seite, da, wo zwischen den Bäumen eine Mehlmühle zerborsten und in sich zusammengekracht ist, dort sei das Lavaloch gewesen, das am 17. Januar 2002 in riesiger Tonnage die brennende feurige Lava herauskatapultiert hat. Wir gehen hinüber und in der Tat, dort hat sich die Erde ganz geöffnet bis in das kochende Innere und hat Hunderte von Tonnen glühender Lava heraus explodiert.
Bis heute (Anfang Februar) staunen wir Laien nur, denn wir sehen die bizarrsten Gebirge von erkalteter Lava, wir sehen kohleähnliche Lava und Lava, die wie Schlacke aussieht. An manchen Stellen konnte die Lava sich nicht weiter hinunter nach Goma und bis an den See ergießen und hat sich wie zu einer bizarren Berg-Lava-Wüste aufgetürmt.
Es kommen Dozenten der "Universite Libre de Kigali" in einem Kleinbus hierher und sind entsetzt. Wenn hier, nicht mehr als einen Kilometer von der Stadt Goma entfernt, die Erde aufbrechen und die Lava auf die Großstadt Goma herabrinnen lassen konnte, wer wird dann garantieren, daß es demnächst nicht auch unter der Stadt Risse im Boden geben würde? Daß die nächste Katastrophe nicht bevorstehen und die Stadt hinwegfegen würde wie der Vesuv das altertümliche antike Pompeji??
Was wir daraus jetzt zehn Tage nach der Katastrophe lernen? Es war nicht die klassische Vulkanausbruchs-Katastrophe. Die ganze Gegend um den Nyiragongo herum scheint wie auf einem Lavasee aufzuruhen. Wenn die Erde bebt, wie sie das während der Tage nach dem 17. Januar heftig getan hat, so daß die Menschen im benachbarten Gisenyi auf die Straße gerannt sind, dann kann sie sich auch in der Stadt Goma öffnen und die tödliche Lava aus sich herausschleudern.
Wie durch ein Wunder hat der Ausbruch "nur" 45 Menschen hinweggerafft (beim letzten großen Vulkanausbruch am 10. Januar 1977 waren es 2000 Menschen, die von den ganz schnell fließenden Lavamassen erreicht wurden).
Aber die jetzige Katastrophe macht auch die politische Anarchie in der Gegend des Kivu deutlich. Es gibt zwar eine sogenannte Grenze zwischen Rwanda bei Gisenyi und Goma - was völkerrechtlich zur Demokratischen Republik Congo gehört - aber die Soldaten, die die Regierungsmitglieder des "Rassemblement Congolais pour la Democratie" (Rebellenbewegung) bewachen und beschützen, sind Soldaten der Staatsarmee des Nachbarlandes Rwanda.
Ohne irgendein Hindernis fahren die Soldaten der Republik Rwanda in den Congo hinein, wie das Israels Tsahal-Armee in die besetzten Gebiete Palästinas tut.
Die Rebellen-Regierung hat keinen Aufbauplan für die Stadt, die im Zentrum zu 25 % zerstört ist. Denn sie müßte diesen Plan mit der Territorialregierung in Kinshasa besprechen, wohin die Gelder der Internationalen Hilfsgemeinschaft gegangen sind. 29 Mio. US-Dollar seien zusammengekommen - das sagt uns die UNO in Goma.
Wir von Cap Anamur haben an unmittelbarer Nothilfe bereits über 90.000 Euro (Verteilung von Bohnen, Mais, Öl an über 7000 Familien oder Hausstände) ausgegeben. Wir haben dem CCN (Comite de Crise de Nyiragongo), dem Krisenkomitee von Goma, angeboten, eine der über 20 von den Lavamassen zerstörten und ausgebrannten Schulen wieder aufzubauen, wenn denn entschieden ist, wie und ob man die bis drei Meter hohe Lavaschicht im Zentrum Gomas abbaut oder beläßt.
Aber die Regierung schläft. Sie lebt gut, genießt die Einkünfte, die die ergiebigen Coltanfelder (Coltan ist ein metallischer Rohstoff, der für die Mobiltelefone weltweit gebraucht wird) im Kivu für sie hergeben. Die Regierung ist plötzlich überrascht, daß sie außer ihren korrupten Machenschaften bei der Vielzahl der prominenten Besucher auch einen guten Eindruck machen soll. Denn kurz nach der Vulkan-Katastrophe hatte sich der deutsche Botschafter Steinberg vier Tage in Goma aufgehalten - ohne, wie er immer wieder hinzufügt, die Rebellenregierung anzuerkennen und zu berühren. Dann war die Afrika-Chefin des deutschen Auswärtigen Amtes gekommen, die Gräfin Strachwitz, auch ohne die Regierung anzuerkennen noch sich mit ihr zu treffen.
Der belgische Außenminister Louis Michel allerdings hatte weitergehende Interessen, er traf sich am 2. Februar bei seinem Besuch in Goma auch mit dem Vizepräsidenten Salumu Kabika Muhima und dem Generalsekretär der Rebellenbewegung.
Cap Anamur hat sich in den letzten 16 Monaten bei der Rückführung der Tutsi Banyamulenge Flüchtlinge engagiert, die 1996 aus dem Kivu nach Rwanda vertrieben wurden. Jetzt sind die ersten 14.000 wieder in den Kivu zurückgekehrt, allerdings nur unter dem Schutz von kleinen Einheiten der Rwanda Armee. Wir haben den Rückkehrern Saatgut und Medizin gebracht. In allen drei Dörfern wurde eine Ambulanz eingerichtet. In dem größten Dorf ist jetzt mit Mitteln der Spender der Bundesrepublik Deutschland eine große Klinik entstanden, in der in zwei Gebäuden auch kleine Chirurgie sowie Entbindungen gemacht werden können. Zusätzlich können 15 stationäre Patienten dort aufgenommen werden.
Allerdings wirken diese Dörfer wie kleine Wehr- oder Wehrsiedler-Dörfer. Die ruandische Armee muß dort ausharren, denn sonst gibt es im Kivu keine Sicherheit. Immerhin hat das die Armee des Nachbarlandes geschafft. Der Krieg und die andauernde Bedrohung bei den Fahrten in diese wunderschöne Waldgegend des Massisi sind vorbei. Wir sind jetzt tagelang in dieser Gegend unterwegs gewesen. Die dörfliche Bevölkerung atmet auf.
Wir haben mit einem von Deutschland mitgebrachten Fußball in dem Ort Burungu einen Fußballclub "Simba Burungu" (deutsch: Die Löwen von Burunga) gegründet. Elf Mitglieder unter Leitung des Teamchefs Bienvenu Zulungu haben unterschrieben, daß sie die nächsten sechs Monate alle Teams der Umgegend (aus den orten Mweza, Kitchanga, Kilolirwe, Kitingitira, Buroha) schlagen werden. Die Begeisterung über den aus Deutschland gespendeten Fußball war groß.
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