Nachruf: Marion Gräfin Dönhoff - Fördermitglied von Cap Anamur

Artikelinfo
Datum: 
12.03.2002
Autor: 
Rupert Neudeck

Cap Anamur ist auch die Geschichte der Ratgeber und Mentoren, die mit uns gegangen und zu früh gestorben sind:

Heinrich Böll, Mitbegründer des Komitees, ist schon 1985 gestorben. Es folgte Pfarrer Heinrich Albertz, der große Christ und Politiker. Dann kam der, der unser Ehrenpräsident wurde, der große Menschenfreund Lew Kopelew.

Nun folgte gestern die große Frau des Journalismus, Marion Gräfin Dönhoff, von der wir soviel gelernt haben und die uns soviel geschenkt hat. Sie hatte Mut und Freimut, etwas auszusprechen. Wütend konnte sie werden, wenn sie wieder von gemeinen Waffenexporten aus Deutschland in alle Welt erfuhr.

1991 gab es eine Geschichte, die sie sofort verstand, als wir sie ihr berichteten. Am 21. Juni 1991 passierte das, was uns Cap Anamur fast beenden ließ. Was uns bis heute den Riß an Ungerechtigkeit deutlich macht, der durch die Welt geht.

Drei Kilometer außerhalb von Hargeisa in Somaliland fuhr die Krankenschwester Helmien Hendrikse auf eine Anti-Tankmine, neben ihr im Auto saß die Somalin Nimao Abdelkadir. Helmien wurden beide Füße abgefetzt, Nimao ein Bein. Für Helmien hatten wir alle Versicherungen abgeschlossen, incl. eines Rettungsflugs, wie sich das für Europa gehört. Von Djibouti bekamen wir den Anruf: "Können wir Nimao auch ausfliegen?" Was konnten wir anderes sagen als: "Selbstverständlich!" Diese Antwort kostete uns 140.000 DM. Dieses Geld konnten wir nicht einfach von Spendengeldern bezahlen. Also erzählten wir Gräfin Dönhoff den Fall. Sie sagte, sie werde mit ihrem Namen in der ZEIT einen Aufruf machen. Wir bekamen das Geld für Nimao. Ob so etwas auch nach Gräfin Dönhoff noch möglich sein wird?

Das letzte Mal rief Gräfin Dönhoff im November 2001 an. Ich hatte ihr mein Leid geklagt. Die Politik von Ariel Scharon mache mich ganz krank. Sie gefährde Israel, dessen Existenz für uns Deutsche immer ein großes Anliegen bleiben wird. Es entsetze mich, daß dieser Mann überhaupt gewählt werden konnte, der für die Massaker an Palästinensern 1982 in Sabra und Chatila verantwortlich war. Es ging um den Chefarzt der Klinik in Beit Sahour, Majid, der keine Ausreise bekam. Sie wollte sich bemühen. Immer betonte sie, auch die Mächtigen hätten es schwer und ihre Handlungsspielräume würden enger. Dann: "Aber der Joschka Fischer hat das doch sehr gut gemacht jüngst in Jerusalem."

Es wird uns helfen, uns an Marion Gräfin Dönhoff zu erinnern: "Hanc meminisse iuvabit"