Straßenkinder in Nairobi

Artikelinfo
Datum: 
26.06.2002
Autor: 
Nani van der Ploeg

Anne Wanjugu, die Mutter für so viele Straßenkinder in Nairobi war, starb unerwartet im April diesen Jahres.

Wer den Nachruf nicht gelesen hat, dem empfehlen wir einen Blick in unser Pressearchiv. Da haben wir unter dem Datum vom 10. April den Versuch einer Beschreibung dieser großartigen Frau unternommen. Versuch deshalb, weil unsere Möglichkeiten beschränkt sind, das auszudrücken, was Anne Wanjugu für 170 Straßenkinder in Wahrheit bedeutet hat.

Der plötzliche Tod hat uns neben einer unendlichen Trauer vor allen Dingen die Sorge um diese Kinder beschert und damit die Frage, wie es weitergehen kann. Heidegret Dreckmann, die in Kenia das Projekt jahrelang mit persönlichem Engagement begleitet hat, flog nach Bekanntwerden der Todesnachricht nach Nairobi, um Trost zu spenden und den Hinterbliebenen zu versichern, daß wir sie mit den großen Schuhen, die Anne Wanjugu hinterlassen hat, nicht alleine lassen.

Und in die Trauer mischt sich deshalb große Erleichterung, weil wir mit Hilfe von Heidegret Dreckmann eine Nachfolgerin gefunden haben, die diese schwierige Aufgabe als Herausforderung angenommen hat und sich bewundernswert schnell mit einer ungeheuren Energie in Shangilia eingelebt und eingearbeitet hat.

Sie heißt Suzanne Njeri Kuria, hat beachtliche Erfahrungen im Sudan und mit anderen NGO's sammeln können und mit Hilfe des Staffs bereits eine Menge erreichen können. Ein erster Bericht hat uns nun erreicht, der uns hoffnungsfroh in die Zukunft blicken läßt.

Unter anderem hat Suzanne eine junge Frau, Faith Anene, gewinnen können, die sich bereit erklärt hat, als "Hausmutter" mit den Kindern auf Shangilia zu leben. Ausgestattet mit einem warmherzigen Wesen sorgt sie bei Tag und Nacht für die ihr anvertrauten Kinder, spricht und betet mit ihnen, ist jederzeit für sie da, wenn sie gebraucht wird.

In der Zwischenzeit konnten ebenfalls substantielle Verbesserungen in der Versorgung erreicht werden. So sind zwei Frauen für die Zubereitung der Mahlzeiten verantwortlich, die versuchen, möglichst viel Abwechslung mit Gemüse und frischem Obst in den Speiseplan zu bringen und die in der Zwischenzeit sogar selbst Brot backen und Müslis herstellen.

Auch kleine bauliche Veränderungen, die aber das Leben und den Aufenthalt in den Räumen kolossal erleichtern, konnten durchgeführt werden:

- Das Küchendach wurde höher gebaut, damit auch die hinteren Räume benutzt werden können, was früher durch die Rauchentwicklung fast unmöglich war. Undichte Stellen in den Dächern wurden repariert. Dachfenster wurden installiert, so daß jetzt Licht durch die Räume flutet und für eine helle, schöne Atmosphäre sorgt. Kaputte Fensterscheiben wurden ebenso wie teilweise notwendige Gitterstäbe ersetzt.

- Und dann wurden noch die Räume frisch gestrichen, ein neuer Wassertank installiert, die Elektrik repariert - und nachts wird damit der gesamte Compound in ein fluoreszierendes Licht getaucht.

Dennoch bleibt noch so viel zu tun. Unter anderem werden noch dringend Regale für die Lager gebraucht, abschließbare Schränke für die Kinder und noch ein paar einfache Möbel und weitere Einrichtungsgegenstände.

Daß in der Zwischenzeit auch wieder eine kleine In-House-Clinic funktioniert, kommt nicht nur den Kindern direkt zugute, sondern reduziert auch erheblich die Kosten, die immer durch eine Überstellung in die Kangemi-Clinic verursacht wurden.

Und last not least hält Suzanne regelmäßige kleine Sitzungen vor allen Dingen mit den Kindern ab, teilt ihre Sorgen und Gefühle, leiht ihnen ihr Ohr bei Klagen und Beschwerden und nimmt im übrigen Vorschläge aller Art entgegen mit dem Willen, sie so gut wie möglich umzusetzen - wenn es denn im Bereich des Möglichen liegt.

Zur Zeit werden 151 Kinder in eigenen Schulklassen unterrichtet; aber Suzanne hat ebenfalls bereits Kontakt zu den weiterführenden Schulen aufgenommen, die zur Zeit von 19 weiteren Kindern besucht werden. Auch hier findet ein regelmäßiger Austausch mit den Lehrern statt.

... und zum Schluß einige Sätze über das Theater. Anne Wanjugu fand als Schauspielerin den Weg zu den Kindern über das Theater, lehrte sie zu spielen, vermittelte Lebensfreude - und, was für diese heimatlosen Kinder noch viel wichtiger war, sie erhielten Lob und Anerkennung für ihre Darbietungen. Lebenswichtige Mosaiksteine für die Entwicklung ihres Selbstbewußtseins.

Daß das auch heute nach Annes Tod ein Topic geblieben ist, darüber freuen wir uns ganz besonders. In der Obhut von begeisterten Lehrern, die diese Aufgabe gern übernommen haben, erhalten die Kinder Unterricht in Taekwando, Tanzen, Akrobatik und, wie wir hoffen, bald auch wieder im Theaterspielen. Und Wettbewerbe mit anderen Colleges finden ganz selbstverständlich statt - der letzte endete schließlich mit einem "Certificate of Merit".

Wir werden mit allen Mitteln versuchen, dieses Projekt am Leben zu erhalten. Denn der Dank der Kinder und ihrer heutigen Betreuer an Cap Anamur und damit an die Spender und Spenderinnen in Deutschland läßt sich nicht besser ausdrücken als mit dem folgenden Satz von Suzanne:

"So it is with your continued support that Shangilia continues to shine."