Ein besonderer Nachruf
Cap Anamur - "ein Ausdruck weit verbreiteter Hilfswilligkeit"
Eine Erinnerung an Marion Gräfin Dönhoff aus Anlaß ihres letzten Buches: "Was mir wichtig war!"
Es gibt ein großes Bedürfnis nach Weisung und Führung in der Welt. Die Demokratie hat auch nichts gegen gute Führung. Die demokratische Gesellschaft braucht, so spüren wir alle mehr denn früher, Menschen, die uns durch ihre Biographie und ihr Leben Leitstern und Vorbild sein können. Einige, auf die wir uns einigen konnten, sind von uns gegangen. Mir fallen ein Heinrich Böll, der Pfarrer Heinrich Albertz, Lew Kopelew. Und jetzt auch die wunderbare Journalistin und Publizistin Marion Gräfin Dönhoff.
Sie ist gestorben, nachdem sie uns in immer wesentlich werdenden, typischerweise auch kürzeren Artikeln in der ZEIT noch mal Weisung gegeben hat. Auf die Frage, die ihr einige ZEIT-Redakteure gestellt haben: "Bischöfen und Philosophen trauen sie offenbar nicht viel zu?" antwortet sie: "Wir haben keine Philosophen mehr". Damit sagt sie zugleich, Bischöfen - katholischen wie protestantischen - traut sie diese Lenkung schon gar nicht zu.
An einer Stelle sagt sie etwas zu Cap Anamur, in dessen Förderkreis sie mitgemacht hat. Cap Anamur, so sagt sie in dem letzten Interview, sei "ein Ausdruck weit verbreiteter Hilfswilligkeit. Offenbar haben die Leute ein Bedürfnis zu helfen, etwas zu bewirken." Ein Satz, der uns wie ein Testament aufgegeben ist, wenn es um die Organisation von rettenden Operationen zu Lande, zu Wasser und sonstwo geht.
"Importune opportune" - so sagt das Evangelium. "Komme es gelegen oder ungelegen" - sie hat immer ihre Meinung gesagt, auch wenn es nicht genehm war. Sie hat, und das ist das erste, was ich zum Gedenken an die Gräfin sagen möchte, nie aufgehört, die Gefahr des großen Militärmarktes und der Aufrüstung zu kritisieren. Die 300 Milliarden Dollar, die die USA 1995 schon für ihr jährliches Militärbudget ausgaben, hielt sie damals bereits für einen Skandal. So sagte sie es den polnischen Abiturschülern von Nikolajken, deren Schule nach ihr benannt wurde. Hätte sie heute erfahren, daß George W. Bush diesen Etat 2002 um 49 Mrd. US $ erhöht hat, sie hätte ihre Stimme warnend erhoben.
Sie hat nicht akzeptiert, daß wir wehleidig geworden sind. "Es ist Mode geworden, verdrossen zu sein, zu jammern und allenthalben Katastrophen zu sehen. Das Positive, was auch geschieht, wird meist ausgeblendet." Sie hat gesehen, daß man auch bewußt in den großen, die Gesellschaft bildenden Medien jetzt etwas haben muß wie eine große Kino-Serie, wie wir es in den 70ern und 80ern mit Schindlers Liste oder Holocaust-Filmen hatten. "Ich habe das doch bei Schindlers Liste' im Kino erlebt. Alle Zuschauer waren ergriffen". Sie habe sich mit dem Gedanken beschäftigt, "Filmregisseure - und ich war deswegen bei Volker Schlöndorff - zu begeistern, daß sie Filme machen, in denen junge Leute zeigen, daß sie etwas leisten wollen, daß sie zeigen dürfen, was sie können."
Ich hatte auch mal so eine Idee, einen ganz anstrengenden Zivildienst anzubieten für junge Leute aus West- und Ost-Deutschland anzubieten, die mit ihren geballten Fäusten und Kräften nichts anfangen können. Einen Dienst, bei dem man Häuser und Krankenhäuser aufbaut, Staudämme und Schulen und ohne Unterlaß arbeitet. Ich hatte Angst vor den Tarifordnungen und den Medien - und habe es dann gelassen.
Diese Frau schlägt ein Erbschaftsgesetz vor. Ich hoffe, daß sich die Abgeordneten der Partei, die ich wähle, und die anderen darum kümmern: "Nach diesem Gesetz muß bei einem großen Vermögen der Erblasser eine Stiftung gründen für gute Zwecke; danach erst kann er den Rest nach freiem Belieben an seine Familie verteilen. Zunächst muß er richtig großzügig etwas für die Allgemeinheit tun."
Es fehlen uns in dieser Moderne die Werte. So unprätentiös, wie sie das sagt, die Gräfin, kann es jeder akzeptieren. Wir reden dauernd davon, daß die Kinder kein Zuhause mehr hätten. "Ich sage immer: Ihr redet dauernd von Familie, doch worin besteht denn heute die Familie? Die Alten kommen ins Altersheim, die Kinder kommen in den Kindergarten, und die Eltern lassen sich scheiden". An dieser einen Stelle ist die Dönhoff wütend: "Wo zum Teufel ist da noch Familie?"
Die Raffgier ist etwas, was die Gesellschaft kaputt macht. Daß man einem abgehalfterten Vorstandsvorsitzenden 60 Mio. DM Abfindung nachwirft, während gleichzeitig "die Angestelltengehälter um drei Prozent" gekürzt werden: "Das ist schon schwer zu begreifen".
Und noch näher zu dem Thema, das keines mehr der Politik und der Philosophie ist, denn die trauen sich nicht an so etwas heran. "Eine Gesellschaft ohne moralische Barrieren und ohne ethische Inhalte kann nicht überleben. Freunde", fügt die Dönhoff emphatisch hinzu, "es ist doch nie vorgekommen, daß in einer Schulklasse ein Schüler mit dem Messer auf die Lehrerin zugeht und ihr den Hals durchschneidet, und alle gucken zu."
Typisch, wie sie auf die Frage reagiert, ob die Menschen eine überirdische Instanz brauchen. "Offenbar glauben die meisten, sie brauchten keine. Dabei ist es erstaunlich, daß trotz allem seit Konfuzius' Zeiten über die Jahrhunderte hinweg von den Tafeln Moses über die Evangelisten bis zum heutigen Tag das Gefühl vorhanden war, daß der Mensch für sein Tun einstehen muß, daß er Verantwortung übernehmen muß, für den anderen, und daß es etwas gibt, was außerhalb unserer Vorstellung liegt, eine letzte Instanz über uns."
Nein, Es muß nicht das Christentum sein. Sie ist mit den Gebeten und der morgendlichen Andacht groß geworden. "Da kamen alle, von der Mamsell bis zum Stubenmädchen, manchmal auch die Kutscher, Gärtner, die Inspektoren. Dann spielte meine älteste Schwester auf dem Harmonium einen Choral, den alle mitsangen, und die Mutter las aus dem Evangelium. Das dauerte nicht lange, vielleicht zwanzig Minuten. Es war ein ganz feststehendes Ritual. Ohne dem wäre es nicht gegangen, und keiner stellte es in Frage."
Wichtig, sagt die Gräfin, war ihr die Gewißheit, daß es eine ordnende Hand gibt. Und noch kurz vor dem Tode hat sie uns gesagt: "Wir sollen uns dem Egotrip und dem "catch as catch can" der Erwerbsgesellschaft und der Karrieren", den Aktienkursen nicht überlassen, die uns schon jeden Abend um die Ohren geknallt werden.
Und die Bescheidenheit der Marion Gräfin Dönhoff. Die Gräfin hatte sich so gefreut, daß die Schule in Nikolaiken (polnisch Mikolajki) nach ihr benannt wurde, und der Leser muß vor der großen schelmischen Weisheit dieser Frau wirklich schmunzeln. Ich denke, sagte sie, man sollte nicht den Namen eines lebenden Menschen nehmen. "Man weiß ja nicht, was der noch alles anstellen wird!"
Dieses kleine Büchlein "Was mir wichtig war" (Siedler Verlag Berlin 2002, 204 Seiten) ist mir ein Tritt in den Bauch gewesen. Ich habe es gespürt. Seit der Heinrich Böll, der Heinrich Albertz, der Lew Kopelew und die Marion Dönhoff weg sind, sind wir, bin ich feiger geworden. Wir müssen eine solche Mobilisierung junger kräftiger Leute beginnen; sie hat uns gesagt, wie sehr sie dafür wäre. Diejenigen jungen Leute, die sich einmal im Leben auszeichnen wollen, die sollten jetzt eine Schule im Sudan, eine Farm und Molkerei in den Nuba-Bergen und ein Hospital in Tschetschenien aufbauen. Alle zusammen. Ohne Unterlaß. In aller Härte.
Hauptnavigation
- Über uns
- Projekte
- Einsatzländer aktuell
- Einsatzländer abgeschlossen
- Albanien
- Angola
- Äthiopien
- Benin
- Bosnien
- Brasilien
- Deutschland
- Elfenbeinküste
- Eritrea
- Gambia
- Ghana
- Haiti
- Honduras
- Indien
- Indonesien
- Irak
- Iran
- Israel
- Jordanien
- Jugoslawien
- Kambodscha
- Kenia
- Kolumbien
- Kosovo
- Libanon
- Liberia
- Mazedonien
- Kroatien
- Mosambik
- Namibia
- Nicaragua
- Nigeria
- Pakistan
- Polen
- Ruanda
- Rumänien
- Russland
- Serbien
- Sibirien
- Swasiland
- Südafrika
- Tschad
- Tschetschenien
- Türkei
- Vietnam
- Medizinberichte
- Helfen
- Presse
- Kontakt



